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Manie und bipolare Störung

Manie: Lebensphase mit übertrieben euphorischer Grundstimmung. Manische Phasen treten zu 80 % als Gegenpol zu depressiven Phasen im Rahmen einer bipolaren Störung auf. Sowohl die Manie als auch die bipolare Störung gehören zum Krankheitsbild der affektiven Störungen. Charakteristischerweise geraten dabei Stimmung, Gefühlsleben und Verhalten des Betroffenen außer Kontrolle. In schweren Fällen kommt es neben einer krankhaft gesteigerten Aktivität und einer euphorischen Stimmung zusätzlich zu Wahnvorstellungen und Denkstörungen.

Bipolare Störung (bipolare Erkrankung, manisch-depressive Erkrankung, Zyklothymie): Schwere Ausprägung von Hochgestimmtsein (manische Episoden) im Wechsel mit depressiven Episoden. Diese emotionale Labilität ist auch außerhalb expliziter manischer oder depressiver Episoden ständiger Lebensbegleiter – mal mehr, mal weniger stark ausgeprägt.

Weltweit leiden mindestens 1,5 % der Erwachsenen unter einer bipolaren Störung. Frauen und Männer sind gleich häufig betroffen. Viele bipolar erkrankte Patienten nehmen sich das Leben. Sie sind in allen Kulturen besonders selbstmordgefährdet.

Leichtere Formen der Manie bezeichnet man als Hypomanie. Die Hypomanie ist aber an sich kein Krankheitsbild und wird deshalb im Folgenden nicht weiter besprochen. Die für den Patienten angenehmen hypomanischen Phasen können sich allerdings im Lauf der Jahre zu „richtigen“ Manien bzw. zur bipolaren Störung ausweiten.

Leitbeschwerden

Bipolar erkrankte Patienten durchleben abwechselnd manische Phasen und depressive Phasen. Dabei entsprechen die Symptome der depressiven Phase den Symptomen einer Depression. In den manischen Phasen treten die folgenden Symptome auf:

Psychische Beschwerden:

  • Übertrieben und grundlos heitere Stimmung, die nicht zur jeweiligen Situation passt.
  • Vermehrter Antrieb, rastlose Überaktivität: Der Maniker stürzt sich wahllos in Aktivitäten und kann seine Möglichkeiten und Grenzen nicht mehr realistisch einschätzen.
  • Verlust üblicher sozialer Hemmungen: Die Betroffenen sind distanzlos. Sie stürzen sich begeistert auf fremde Personen und gehen schnell Kontakte ein, die aber oberflächlich und ichbezogen bleiben.
  • Sprunghaftigkeit im Denken und Handeln: Die Betroffenen hüpfen förmlich von Einfall zu Einfall, können aber nicht lange bei einem Thema bleiben. Sie beginnen viele Aktivitäten gleichzeitig und führen nichts wirklich zu Ende.
  • Selbstüberschätzung und Größenwahn: Maßloser Optimismus lässt Maniker oft extreme Risiken eingehen, die sie und andere gefährden. Typisch sind kaufrauschartige Einkäufe, unsinnige Geschäftsgründungen oder sexuelle Exzesse.

Körperliche Beschwerden:

  • Starke Überaktivität: Sie äußert sich meist in einem unaufhörlichen Rededrang, einem stark verminderten Schlafbedürfnis sowie körperlicher Hektik und Unruhe.
  • Aggressive Durchbrüche: Die Übererregung kann auch dazu führen, dass die Patienten sehr gereizt sind, toben, Gegenstände zertrümmern und andere Personen tätlich angreifen.

Wann zum Arzt oder Psychotherapeuten

In den nächsten Tagen, wenn der manische Zustand mehrere Tage unverändert anhält, der Leidensdruck für die Angehörigen unerträglich wird, der Betroffene seine eigene Zukunft gefährdet (z. B. durch Verschuldung) oder eine depressive Phase anbricht.

Sofort, wenn der Betroffene in der manischen oder der depressiven Phase sich selbst oder andere gefährdet.

Die Erkrankung

Ein gestörtes Gleichgewicht der Botenstoffe im Gehirn (Neurotransmitter) ist ein Erklärungsmodell für die Entstehung der Manie und der bipolaren Störung, wobei ähnlich wie bei der Depression sowohl genetische als auch auslösende Faktoren bedeutend sind.

Manische Phasen dauern in der Regel einige Tage bis Wochen, selten auch Jahre. Dass sich hinter einem rastlosen sprunghaften Menschen, der vor Ideen nur so strotzt und viele Dinge gleichzeitig anpackt, ein psychisch Kranker verbirgt, wird meist erst spät von der Umwelt erkannt. Nämlich dann, wenn der Betroffene aufgrund seiner Selbstüberschätzung und zahlreichen Unternehmungen zusammenbricht (z. B. aufgrund von Zahlungsschwierigkeiten) oder die Manie in eine depressive Phase übergeht. Der bipolar erkrankte Patient erlebt die jeweiligen manischen und depressiven Krankheitsphasen in unterschiedlicher Intensität und immer in Abwechslung mit gesunden Phasen, den so genannten symptomfreien Intervallen. Die Dauer der manischen und depressiven Phasen kann stark schwanken: von einigen Wochen und Monaten bis hin zu Jahren.

Das macht der Arzt oder Therapeut

Krankenhauseinweisung. In der manischen Phase verspüren die Patienten keinen Leidensdruck. Sie fühlen sich großartig und sehen keinen Anlass, sich in ärztliche Behandlung zu begeben. Deshalb müssen sie mit sanftem Druck behutsam dazu überredet werden – oft ein schwieriges Unterfangen. In akuten Zuständen können Maniker auf Behandlungsvorschläge sogar außerordentlich gereizt reagieren. Akut manische Patienten werden deshalb häufig auf behördliche Anordnung hin in psychiatrische Kliniken eingewiesen (Zwangseinweisung). Freiwillig begeben sich manisch Erkrankte oft erst in Behandlung, wenn die Manie in eine Depression umschlägt und sie selbst unter der Erkrankung leiden. Allerdings kann dann die Gefahr einer Fehldiagnose bestehen, da der Arzt oder Therapeut in dem Moment nur die depressiven Symptome sieht, und der Patient meist nicht von seinem manischen Erleben berichtet. Erfahrene Ärzte und Therapeuten werden deshalb immer nach manischen Phasen in der Vergangenheit des Patienten fragen und dazu meist auch Angehörige in das Diagnosegespräch mit einbeziehen.

Psychopharmaka. In der Behandlung mit Psychopharmaka unterscheidet man zwischen der Behandlung der akuten Krankheitsphase und der Langzeitbehandlung während des symptomfreien Intervalls zur Vorbeugung weiterer Akutphasen (Phasenprophylaxe):

  • Medikamentöse Akuttherapie der Manie: Atypische Neuroleptika, häufig auch in Kombination, sind heute die Mittel der Wahl. Damit eine schnelle Wirkung erzielt wird, müssen die Medikamente anfangs hoch dosiert werden. Alternativ werden auch antiepileptisch wirkende Substanzen eingesetzt (Carbamazepin oder Valproinsäure). Um das meist bestehende Schlafdefizit zu lindern, können vorübergehend auch Tranquilizer (Benzodiazepine) gegeben werden.
  • Medikamentöse Akuttherapie der depressiven Episoden

Phasenprophylaxe. Zur Vorbeugung von Rückfällen ist die medikamentöse Therapie meist auf Jahre, wenn nicht lebenslang erforderlich. Häufig werden die Medikamente, die auch in der Akuttherapie gut wirksam und verträglich sind, in reduzierter Dosierung beibehalten. Dann sind auch die Nebenwirkungen meist eher gering. Einen besonderen Stellenwert in der Phasenprophylaxe nimmt Lithium ein.

Psychotherapie. Während der akuten Krankheitsphase fehlt den Patienten meist die Motivation und Einsicht, im Rahmen einer Psychotherapie an sich zu arbeiten. Ist die Manie medikamentös gut eingestellt, erkennen die Betroffenen jedoch die Notwendigkeit einer psychotherapeutischen Behandlung, da sie unter den durch die Manie verursachten Schwierigkeiten leiden. In der Behandlung zur Phasenprophylaxe haben sich Verhaltenstherapie und Psychoedukation bewährt.

Prognose

Für ~ 40 % der Betroffenen, die die notwendig lange Behandlung durchhalten, sind die Heilungsaussichten sehr gut. Bei ~ 20 % der Patienten kommt es allerdings zu einer Chronifizierung der Erkrankung. Diese häufig älteren Betroffenen sind oft unfähig, selbstständig zu leben. Die restlichen Betroffenen bewegen sich zwischen diesen beiden Extremen.

Unterstützung durch und für Angehörige

Die Hauptleidtragenden einer Manie und bipolaren Störung sind die Angehörigen. Es ist schwierig, Maniker zu einer Behandlung zu bewegen oder für deren Exzesse wie z. B. Überschuldung aufzukommen. Beratung und Unterstützung können Angehörige bei Ärzten oder in Selbsthilfegruppen finden.

Um Rückfällen vorzubeugen, ist neben der regelmäßigen Medikamenteneinnahme wichtig, dass der Erkrankte einen geregelten Tagesablauf hat, genug Schlaf bekommt und seinem etwaigen maßlosen Verhalten freundlich aber bestimmt Grenzen gesetzt werden. Am besten ist: Übersehen Sie solche Anflüge und verstärken Sie sie nicht zusätzlich durch Aufmerksamkeit.

Geschäftsunfähigkeit. Maniker sind im akuten Zustand geschäftsunfähig. Es bestehen daher gute Aussichten, dass – wenn die Erkrankung ärztlich dokumentiert ist – unsinnige Geschäfte und Kreditaufnahmen gerichtlich rückgängig gemacht werden können. Trotzdem ist es für Angehörige überlegenswert, Kreditkarten und gegebenenfalls auch den Personalausweis sicherheitshalber für einige Tage aus dem Verkehr zu ziehen. Auch ein Anruf während akuter Phasen beim Bankberater schadet nicht. Es bringt nichts, aus falsch verstandener Ehrlichkeit diese Schritte dem manisch erkrankten Partner, Kind oder Elternteil anzukündigen – besser ist, ein symptomfreies Intervall abzuwarten und dann klarzustellen, dass diese „Übergriffe“ im Interesse des Betroffenen geschehen sind.

Weiterführende Informationen

  • www.dgbs.de – Website der Deutschen Gesellschaft für bipolare Störungen e. V. (DGBS), Hamburg: Vertritt Betroffene, Angehörige und Experten und bietet Hilfe in vielen Rubriken.
  • www.manic-depressive.de – Internet-Diskussionsforum der DGBS e. V.: Für Betroffene, Angehörige, Freunde und Interessierte.
  • H. Helmchen et al.: Depression und Manie: Wege zurück in ein normales Leben. Trias, 2001. Ratgeber für Kranke und Angehörige, in dem Krankheitsbild, Therapie und Rückfallvorbeugung erklärt werden.
  • P. Bräunig; G. Dietrich: Leben mit bipolaren Störungen. Trias, 2004. Antworten auf die meistgestellten Fragen und Materialien zur Selbsthilfe.
  • V. Rupprecht: SeelenGezeiten. Schattauer, 2005. Eine junge Grafikdesignerin, selbst Betroffene, macht die extremen Emotionen in Illustrationen erfahrbar – ergänzt wird das Buch durch kurze wissenschaftliche Texte.

Von: Gisela Finke, Dr. med. Arne Schäffler in: Gesundheit heute, herausgegeben von Dr. med. Arne Schäffler. Trias, Stuttgart, 3. Auflage (2014). Überarbeitung und Aktualisierung: Dr. med. Sonja Kempinski

Wenn das Horten zum Problem wird

Mehr als Sammelleidenschaft

Zeitschriften, Eierkartons oder Schuhe türmen sich in der Wohnung und nichts davon darf weggeschmissen werden? Das ist typisch für das krankhafte Horten. In Deutschland sind etwa 5% der Menschen davon betroffen.

Bei Älteren häufiger

Wiederverwenden schont den Geldbeutel und die Umwelt. Nimmt das Aufbewahren aber überhand, liegt möglicherweise ein krankhaftes Horten vorl. Und das ist in Deutschland gar nicht so selten, erklärt Professor Ulrich Voderholzer. Etwa 2% der jüngeren und 6% der älteren Menschen in Deutschland sollen davon betroffen sein.

Oft mit Kaufsucht verbunden

Horter*innen fällt es schwer, etwas wegzuwerfen, weil sie eine starke emotionale Beziehung zu den Dingen haben. Dabei handelt es sich um materiell Wertloses, wie beispielsweise Schuhe, alte Schulhefte, alte Zeitschriften oder von den Eltern geerbte Kleidungsstücke. Behandlungsbedürftig ist die Erkrankung, wenn das Horten das Leben beeinträchtigt. Zum Beispiel wenn die Partner*in nicht mehr über Hunderte von Schuhkartons stolpern möchte. Oder Gäste nicht mehr eingeladen werden, weil die Wohnung zu vollgestellt ist. In 60% der Fälle ist das Horten zudem mit einer Kaufsucht und finanziellen Problemen verbunden, beschreibt Voderholzer.

Horter*in oder Messie?

Vom krankhaften Horten abzugrenzen ist das Messie-Syndrom. Auch bei den Messies wird die Wohnung immer voller, meist jedoch mit Müll. Trotzdem überschneiden sich die Krankheitsbilder: Immerhin ist jeder 5. Messie auch eine krankhafte Horter*in.

Schwer behandelbare Zwangsstörung

Auch die Ursachen für die Erkrankung unterscheiden sich. Bei Messies sind das häufig Depressionen oder eine Demenz. Hinter dem Horten steckt dagegen eine Zwangsstörung. Meist beginnt die Erkrankung schon in der Jugend und wird bis zum Alter immer ausgeprägter. Eine Erklärung könnte sein, dass Horter*innen in ihrer Kindheit wenig Bindungen hatten und dies mit dem Besitz von Dingen kompensieren. Manche schmeißen überflüssige Sachen auch aus Schuldgefühlen nicht weg, z. B. wenn eine ambivalente Beziehung zu den verstorbenen Eltern vorliegt. Typischerweise haben Horter*innen Defizite beim Planen und Ordnen, was das Krankheitsbild in die Nähe von ADHS rückt. Interessanterweise leiden manche Horter*innen auch gleichzeitig unter dieser Störung.

Durch ihre starke emotionale Bindung zu den Gegenständen sind Horter*innen schwer zu therapieren. Denn das Beschaffen und Behalten löst bei ihnen Glücks- und Geborgenheitsgefühle aus. In den USA wurde eine spezielle Psychotherapie für das Horten entwickelt, bei der die Therapeut*innen auch die Wohnungen ihrer Klienten aufsuchen. Seit kurzem sind auch im deutschen Sprachraum entsprechende Therapieprogramme verfügbar, bisher jedoch nicht flächendeckend.

Quelle: Info Neurologie und Psychiatrie

31.03.2021 | Von: Dr. med. Sonja Kempinski; Bild: Shyntartanya/Shutterstock.com

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